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Herbstprogramm 2017

Leitung: Prof. Dr. Rolf Bürki

Universität St. Gallen
Bibliotheksgebäude 09-012

Montag, 18:15 - 19.45 Uhr


Tourismus –

Auf der Suche nach dem Paradies


2. Oktober
Tourismus und Naturschutz im Schweizerischen Nationalpark – Eine Win-win-Situation zwischen Ökologie und Ökonomie?
Prof. Dr. Norman Backhaus, Universität Zürich

Die Anzahl und Fläche von Naturschutzgebieten erfuhren weltweit einen rasanten Anstieg in den letzten Dekaden. Dies zeugt einerseits von einem Bewusstsein, dass besondere und wichtige Ökosysteme vor Übernutzungen geschützt werden sollen, anderseits werden dadurch Gebiete bestehenden Nutzungen durch verschiedene Gruppen entzogen. Der Tourismus springt hier in eine Lücke, indem er Einkommen schaffen kann, die im idealen Fall denjenigen zu Gute kommt, die durch die Unterschutzstellung Einkommenseinbussen erleiden mussten. Darüber hinaus sollen Einkommen durch den Tourismus den Aufwand für das Management von Nationalparks, Weltnaturerben und andern Schutzgebieten decken. In der Folge wird der Tourismus in Naturschutzgebieten als Win-win-Situation dargestellt, obwohl auch der Tourismus eine Nutzung ist, welche Ökosysteme potenziell schädigen kann. Anhand des Schweizerischen Nationalparks und anderen, internationalen Beispielen soll aufgezeigt werden, welche Rolle der Tourismus für den Naturschutz spielt, wo Potenziale liegen, aber auch wo Gefahren lauern.


16. Oktober
Zwischen Terrorismus und Märchen wie aus Tausendundeiner Nacht - Tourismus in der Arabischen Welt
Prof. Dr. Hans Hopfinger, Universität Eichstätt-Ingolstadt

Die Arabische Welt ist seit geraumer Zeit eine der globalen Krisenregionen. Zwar brachte der „Arabische Frühling“ einen Funken Hoffnung mit sich, doch eine Lösung für die vielfältigen Probleme dieser Weltregion ist kaum absehbar. Die Krise wird noch verschärft durch den gegen Menschen und Kulturgüter gerichteten Terror des sog. „Islamischen Staates. Im Gegensatz dazu stehen die beliebten Urlaubsziele am Roten Meer, in Marokko oder an Tunesiens Küsten. Wie sind diese Kontraste zu erklären? Wirkt die Faszination des Orients so stark, dass terroristische Anschläge auf Urlaubsparadiese oder kriegerische Auseinandersetzungen nur zu kurzzeitigen Einbrüchen im Tourismusgeschehen führen? Ein Spannungsverhältnis, das im Mittelpunkt des Vortrags stehen wird!


30. Oktober
Nachhaltiger Tourismus in Kerala (Indien) - ein Modell für die Welt?
Prof. Dr. Tatjana Thimm, HTWG Konstanz

Nicht erst seit dem Filmerfolg „Life of Pi“ ist der indisches Bundesstaat Kerala ein weltweit gefragtes Reiseziel. Hausboottouren auf den berühmten „backwaters“, Tigerbeobachtung in Nationalparks, Wellness in Ayurveda-Ressorts, Teetrinken in Munnar oder einfach nur „sun and beach“ an den vielen Stränden – Kerala ist eine bekannte touristische Marke und bezeichnet sich auch als „God’s Own Country“. Es existieren vielfältige Ansätze den Tourismus in Kerala nachhaltig zu gestalten. Inwiefern man Kerala wirklich als nachhaltige Destination bezeichnen kann und wer vom Tourismus dort profitiert – dies sind unter anderem die Themen dieses Vortrages.
Kerala verfolgt die Kombination eines Top Down Ansatzes und eines Bottom Up Ansatzes: Zum einen verfolgt die Regierung des Bundesstaates Kerala nachhaltigen Tourismus als strategisches Ziel, zum anderen werden die Bürger auf dem Level der Gemeinden in diese Pläne eingebunden. Der für Kerala typische Ansatz des nachhaltigen Tourismus firmiert dort unter „Responsible Tourism“. Die Kernfrage ist hier: „Wer profitiert eigentliche vom Tourismus?“. In vielen Entwicklungsländern wandern die Gewinne touristischer Investitionen wieder ins Ausland. Kerala wollte hier eine andere Form der touristischen Gestaltung, die auch die Einwohner an den Einnahmen des Tourismus teilhaben lässt. Neben der seitens der Regierung geförderten „Responsible Tourism Initiative“ gibt es weitere Initiativen von NGOs, Firmen oder Privatpersonen.
Kerala lebt in hohem Maße von Transferzahlungen von Keraliten, die ins Ausland, insbesondere in die Golfstaaten gegangen sind. Der Bundesstaat verfügt über einen großen Dienstleistungssektor, kaum Industrie und kann ansonsten nur Einkommen aus der Landwirtschaft generieren. Die relativ gute Bildungssituation und die hohe Bevölkerungszahl und -dichte führen weiterhin zu hohen Abwanderungsraten. Der Tourismus ist in Kerala einer der wenigen Sektoren, die weiter ausgebaut werden kann und somit als Jobmotor dienen kann.
Ob die verschiedenen nachhaltigen Tourismusformen in Kerala es rechtfertigen von Kerala als „Nachhaltiger Destination“ sprechen zu können ist eine zentrale Fragestellung dieses Vortrages. Anhand eines speziell auf Entwicklungsländer ausgerichteten Bewertungsschemas wird dies untersucht und einer Beurteilung zugeführt. Darüber hinaus wird diskutiert, ob das Tourismusmodell Keralas auf andere Länder des Südens übertragen werden kann oder ob wir in Europa sogar von diesem Modell lernen können.


13. November
Die Fremde im Sucher – Einzoomen und Ausblenden: Der fotografische Blick auf Reisen
Rosaly Magg, Freiburg i.Br.

Auf vieles kann man auf Reisen verzichten, nur selten auf den Fotoapparat. So gehört die Reisefotografie zu den beliebtesten Genres. Manche Kritiker vertreten die Position, dass dabei vor allem ästhetische Klischees (re)produziert werden, wie man sie etwa aus der Touristikwerbung kennt. Andere behaupten, dass der Fotoapparat davor schützt, sich auf das Fremde wirklich einzulassen. In jedem Fall geht es bei der Reisefotografie darum, Erinnerungen festzuhalten, Stimmungen einzufangen, Menschen und „schöne Orte“ zu dokumentieren – und zu zeigen, dass man „da gewesen“ ist.
Vielfältige Motive lassen uns auf Reisen zur Kamera greifen, und manchmal geraten wir in peinliche Situationen, stoßen auf Fotografierverbote und -tabus, müssen uns mit rechtlichen wie mit moralischen Fragen auseinandersetzen, ob man ein Foto machen darf oder nicht. Warum fotografieren wir auf Reisen? Wie nehmen wir die oder das Fremde wahr? Welche Fallstricke birgt das touristische Fotografieren? Und wie groß ist das Un-Behagen in den Kulturen, wenn die Fremde(n) zum „Objekt“ werden?
Das Eigene und das Fremde sind zwei Seiten derselben Medaille. Das Bild vom Selbst wird in Abgrenzung zum Anderen hergestellt – auch in der Fotografie. Und genau hier setzen exotistische, sexistische und rassistische Projektionen ein: Sei es bei historischen Dokumenten aus der Kolonialzeit wie beispielsweise „Haremsphantasien“ oder bei stereotypen Bildern aus aktuellen Fernreisekatalogen, die die „unberührte, wilde Landschaft“ und das „jungfräuliche Entdecken“ immer noch als Grundsäulen des Tourismus stilisieren. Das touristische Fotografieren trägt bis heute koloniale Züge, indem die Fotografierenden sich eine innerlich und äußerlich hergerichtete Welt aneignen, als Beweis und Kontrolle des Dagewesenseins, als Trophäe.

(ersetzt den Vortrag von Frau Backes: Keine Freiheit im Paradies - Wenn Tourismus und Migration aufeinandertreffen. Martina Backes, Informationszentrum 3. Welt, Freiburg i. Br.)


27. November
Eine neue Geographie des Tourismus in den Alpen
Prof. Dr. Bruno Abegg, Universität Innsbruck

Der alpine Tourismus steht vor grossen Herausforderungen. Die Globalisierung der Märkte, die anhaltenden Veränderungen im Nachfrageverhalten und Bedrohungen wie der klimatische Wandel stellen die über Jahrzehnte gewachsenen Strukturen in Frage. Das bedeutet auch, dass wir uns von vertrauten Vorstellungen verabschieden und die Geographie des alpinen Tourismus neu denken müssen.


11. Dezember
Global Slumming: Slumtourismus in London, New York, Kapstadt, Rio de Janeiro und Windhoek
PD. Dr. Malte Steinbrink, Universität Osnabrück

Der Tourismus braucht stets Neu- und Andersartiges, um sich selbst zu erhalten. Seine Ökonomie gebietet ihm, immer wieder sites und sights zu suchen und zu (er-)finden, um sie als attraktive Destinationen zu vermarkten. Interessant ist jedoch, jenseits der reinen marktmechanischen Logik zu hinterfragen, wie, warum und mit welchen Wirkungen die Konstruktion von Tourismusräumen geschieht. Jeder neue touristische Trend bietet insofern den Anlass, darüber nachzudenken, warum und wie dieser in dem jeweiligen gesellschaftlichen Kontext in Erscheinung tritt. Seit den 1990er Jahren ist die touristische Bereisung städtischer Armutsgebiete in sogenannten Entwicklungs- und Schwellenländern in Mode gekommen: Der Slumtourismus avanciert mittlerweile zum Mainstream des Städtetourismus im Globalen Süden; jährlich nehmen weit mehr als 1.000.000 Touristen aus dem Globalen Norden solche Angebote wahr. Der „Slum“ wird zu einer touristischen Kategorie, er entwickelt sich zusehends zu einem global-universellen Destinationstypus. In dem Vortrag wird Malte Steinbrink diese Entwicklung nachzeichnen und hinterfragen. Anhand lokaler empirischer Beispiele aus Südafrika, Namibia und Brasilien werden Entstehungszusammenhänge und Wirkungen kritisch beleuchtet.